Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Darum gibt es in Deutschland zehnmal mehr Arztbesuche als in den USA
Interview im Hamburger Abendblatt, 23. März 2009
Frank Ulrich Montgomery sieht Deutschlands Mediziner in der Defensive gegen die "Perfidie des Politikansatzes der Gesundheitsministerin"
Der Hamburger Frank Ulrich Montgomery (56) ist ein bundesweit anerkannter Gesundheitsexperte. Der Facharzt für Radiologie am Uniklinikum Eppendorf (UKE) ist Präsident der Ärztekammer Hamburg, Vizepräsident der Bundesärztekammer, Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes, dessen Bundesverband er von 1989 bis 2007 führte. Sein Vater war ein englischer Offizier, seine Mutter eine deutsche Ärztin. Das Abendblatt sprach mit ihm über die aktuelle Gesundheitspolitik.
Hamburger Abendblatt: Einige Ärzte verlangen von gesetzlich versicherten Patienten Vorkasse. Ist das erlaubt?
Frank Ulrich Montgomery: Nein, Vorkasse ist nicht zulässig im Rahmen der gesetzlichen Regelleistungen. Das haben auch nur wenige Ärzte angekündigt. Ich sehe das als Teil eines Protestes gegen die Gängelung durch das Honorarsystem. Solche Aktionen sind wie ein Hilfeschrei, um Politik und Öffentlichkeit wachzurütteln und auf die Missstände aufmerksam zu machen.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) droht solchen Ärzten mit dem Entzug der Zulassung. Ist das in der aufgeheizten Situation das richtige Signal?
Montgomery: Nein, die Drohgebärde ist unter Wahlkampfaspekten zu sehen und wird den Konflikt eher befördern als schlichten. Klüger wäre es, mit Ärzten, Kassen und Politikern zu einer einvernehmlichen Lösung der Verteilungsprobleme zu kommen.
Ist die Verteilung der Honorare nur ein Problem, das Ärzte untereinander haben, wie die Ministerin Schmidt meint?
Montgomery: Das ist die Perfidie des Politikansatzes dieser Ministerin. Sie hat die Ärzte durch nicht einlösbare gesetzliche Vorgaben in den Konflikt geschickt.
Die Ärztefunktionäre der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) haben diese Reform doch mit ausgehandelt.
Montgomery: Nervös macht mich, dass die Ärztevertreter nicht gewusst haben, dass schon im vergangenen Jahr ein Großteil des Geldes verteilt worden ist. Jetzt ist zwar noch mal mehr Geld ins System geflossen, aber auch die Verteilkriterien wurden geändert. So wird jetzt eine Ultraschalluntersuchung in Mecklenburg genauso vergütet wie in Bayern, was im Prinzip richtig ist.
Sie fühlen sich also von der KBV verschaukelt?
Montgomery: Die KBV ist davon ausgegangen, dass die letzte Gebührenveränderung 2008 nur 220 Millionen Euro gekostet habe, in Wirklichkeit waren es 1,7 Milliarden Euro. Ich kann das nicht nachvollziehen.
Sollten die Kassenärztlichen Vereinigungen abgeschafft werden?
Montgomery: Das ist eine populistische Forderung. Wichtiger ist, zu klären, wer dann das Verhandlungsinstrument für niedergelassene Ärzte wäre. Wenn es eine vernünftige Gebührenordnung gäbe, nach der abgerechnet würde, wäre das ein vernünftiger Weg. Den Weg zu einer Bürgerversicherung halte ich für falsch. Richtig und vernünftig fand ich den Beschluss des CDU-Parteitages 2003 zu einer prämienorientierten Krankenversicherung, bei der der Solidarausgleich durch Steuermittel erfolgt. Aber Frau Merkel hat jetzt nicht mehr den Mut, das noch zu vertreten.
Hat denn überhaupt eine Partei die Kraft, das Gesundheitssystem von Grund auf zu reformieren?
Montgomery: Ich hatte die Hoffnung, dass die Große Koalition das schaffen könnte. Doch die Kanzlerin hat dazu nicht den geringsten Ansatz gemacht: Die aktuelle Gesundheitsreform ist nur der kleinste gemeinsame Nenner. Es ist offen, in welche Richtung es weitergeht.
Lässt sich dieses planwirtschaftliche Gesundheitssystem überhaupt so reformieren, dass es funktioniert?
Montgomery: Ich bin dafür, dieses System abzuschaffen, aber nicht ohne vorher klar zu sagen, was danach kommen soll.
Wenn jeder Arzt jede Leistung direkt mit der Kasse abrechnen könnte, würden dann die Kassenbeiträge für die Versicherten explodieren?
Montgomery: Würde man die Leistungsmenge nicht in Schach halten, z. B. durch Qualitätssicherung, könnte es zur Kostenexplosion bei den Kassen kommen.
Warum gibt es in Deutschland rund zehn Arztbesuche pro Patient und Jahr, in den USA aber nur einen?
Montgomery: Viele Patienten werden zum Arzt gezwungen, z. B. wegen der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die es in anderen Ländern so nicht gibt.
Die Ärztevertretung Marburger Bund hat für Uniklinikärzte neun Prozent mehr Lohn verlangt. Ist das nicht unverschämt in der aktuellen Lage?
Montgomery: Das ist eine Forderung - nicht zu verwechseln mit einem Ergebnis. In der Vergangenheit hat man sich meist in der Mitte getroffen. Andere Landesbeschäftigte haben kürzlich 5,5 Prozent mehr Lohn bekommen.
Gibt es bald zu wenig Ärzte?
Montgomery: Im Stellenmarkt fehlen bundesweit 5000 Ärzte, in einigen ländlichen Gebieten gibt es zu wenig Ärzte. Vielen Kliniken fehlt der Nachwuchs. In Hamburg ist die Versorgung noch gut.
Warum zieht es deutsche Ärzte nach Schweden und England?
Montgomery: Viele Ärzte wollen dort eigentlich nur kurz arbeiten, bleiben dann aber da. Sie verdienen oft nur zehn bis 20 Prozent mehr, haben aber geregelte Arbeitszeiten in einer 40-Stundenwoche und der Arbeitgeber sorgt zum Beispiel für eine Ganztagsbetreuung der Kinder.
Dr.
med. Frank Ulrich Montgomery
Vizepräsident der Bundesärztekammer
Präsident der Ärztekammer Hamburg