Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Die laufenden Debatten sind für die Ärzteschaft gefährlich!
Interview im Kassenarzt, Februar 2008
Der ehemalige Frontmann des Marburger Bundes will fortan für alle Ärzte kämpfen – nicht nur für Krankenhausärzte. Welche Konzeptideen dem Hamburger vorschweben und ob er sich als künftiger Bundesärztekammerpräsident sieht, darüber sprach er mit dem Kassenarzt.
Kassenarzt: Herr Dr. Montgomery, was verbinden Sie mit dem Jahr 2011, insbesondere mit dem Monat Mai?
Montgomery: Ich habe im Mai Geburtstag – hoffentlich auch 2011. Und es wird einen Ärztetag geben. Es werden Wahlen zum Vorstand der Bundesärztekammer stattfinden. Und dann werden wir mal schauen, wer für welche Position kandidiert.
Kassenarzt: Mit welchen Erwartungen gehen Sie an dieses Datum?
Montgomery: Ich habe immer nur gute Erwartungen an den Deutschen Ärztetag. Und ich gehe auch dort mit guten Erwartungen hin. Was dann passiert und wer für welche Position kandidiert, darüber jetzt schon zu spekulieren wäre völlig überflüssig.
Kassenarzt: Sie halten es also für noch zu früh?
Montgomery: Ja. Wir wollen erst einmal arbeiten. Die Leute wählen andere Personen auch als Ergebnis von Leistungen, die sie vorgelegt haben. Um diese zu erbringen, haben wir noch drei Jahre Zeit.
Kassenarzt: Sie haben sich aber bewusst im November für den Positionswechsel entschieden – und diesen Schritt sicherlich auch mit Hintergedanken verbunden. Was waren das für Gedanken?
Montgomery: Die Vordergedanken waren erst einmal, dass es nach 18 Jahren für jeden Verband und für jede Organisation gut ist, wenn ein Wechsel stattfindet. Weil naturgemäß, was immer man auch macht, sich einschleift in bestimmte Verhaltens- und Denkmuster. Und in einer sich dynamisch verändernden Landschaft einer Krankenhausgewerkschaft musste da einfach mal frischer Wind rein. Außerdem kann ich mit 55 Jahren nicht mehr der Berufsjugendliche der Deutschen Ärzteschaft sein. Der MB ist eher die Organisation der jungen Ärzte. Deswegen müssen die jetzt auch mal ran.
Kassenarzt: Die jetzige Position ist also mit mehr Ernsthaftigkeit und Seriosität verbunden?
Montgomery: Na, das hört sich ja so an, als wären ich oder der Marburger Bund nicht seriös gewesen. Sie wissen ja, dass ich seit 1982 parallel Kammerpolitik betrieben habe, außerdem war ich acht Jahre lang Präsident der Hamburger Kammer und bin es nun wieder. Mit der Position als Vizepräsident der Bundesärztekammer werden sich lediglich die Schwerpunkte verändern.
Kassenarzt: Wie würden Sie reagieren, wenn Herr Prof. Hoppe 2010 ankündigt, noch einmal zu kandidieren?
Montgomery: Das ist sein gutes Recht. Er muss das selbst entscheiden. Wir reden darüber, wenn es soweit ist.
Kassenarzt: Es haben bislang noch keine Gespräche stattgefunden?
Montgomery: Seit ich angekündigt habe, beim MB aufzuhören, haben sich 60 Prozent der Interviews damit befasst, welche Hintergedanken ich dabei haben könnte. Eine Minderheit hat sich dafür interessiert, welche Vordergedanken ich haben könnte. Wir können nicht einfach über den Kopf von Jörg Hoppe hinweg entscheiden. Allen anderen Meinungen zum Trotz - Das Verhältnis von Jörg Hoppe und mir ist in Ordnung - Es gibt heute keinen Grund für Spekulationen.
Kassenarzt: Vor uns liegt nun erst einmal der 111. Deutsche Ärztetag in Ulm. Nach ihrer Wahl zum Vizepräsidenten der BÄK kündigten Sie an, sich nun insbesondere für die Niedergelassenen stark machen zu wollen. Was steht im Mai an?
Montgomery: Im Vordergrund steht ein gemeinsames Projekt für alle. Wir, der Vorstand der BÄK, haben versprochen, auf diesem Ärztetag ein neues gesundheitspolitisches Programm vorzulegen. Wir müssen die Ärzteschaft gemeinsam positionieren, wir müssen den Aufschlag machen, in Vorleistung treten. Und zwar mit Konzeptideen. Wir müssen sagen, wie wir uns das vorstellen und wo es hingehen kann. Der 111. DÄT wird ein Programmärztetag. Ich bin an der Entwicklung des Programms stark beteiligt. Ich habe ein ganzes Kapitel geschrieben, das über die zukünftige Finanzierung. Wenn es gelingt, einer Mehrheit dies als Zukunftsperspektive nahezubringen, würde ich mich sehr freuen.
Es wird im Frühjahr, wenn der neue EBM greift und die Menschen merken, dass dieser EBM eine Mogelpackung ist, weil er mehr Punkte, aber nicht mehr Geld verspricht, zu Unruhen kommen. Der EBM bringt die Ärzte in eine schizophrene Ausgangsposition: sie müssen jetzt eigentlich ihre Punktsummen herunterfahren, obwohl sie mehr Punkte kriegen, damit sie den Punktwert, mit dem alles in 2009 anfängt, möglichst hochziehen können. Das wird alles nicht laufen, denn auf dem Wege des reinen Denkens werden die Menschen das machen, was sie bisher gemacht haben – viele Punkte generieren oder noch mehr Punkte generieren. Deswegen ist die Ausgangsposition schlecht.
Es wird im Sommer zu heftigen Unmutsäußerungen kommen. Dann brauchen wir eine Strategie, wie wir mit diesem Unmut umgehen. Er sollte nicht allein an der KBV ausgelassen werden, sondern wir müssen den Unmut auch in die Politik transportieren. Und da werde ich mich vor allem dafür einsetzten, dass wir das zusammen machen. Die Einigkeit der Ärzte ist hier ganz wichtig. Innerhalb der Ärzteschaft fängt das mit der Einigkeit von Haus- und Fachärzten an.
Kassenarzt: Kein einfacher Weg… Was genau haben Sie vor?
Montgomery: Den Transport des EBM in die eigene Mitgliedschaft müssen die KVen schon übernehmen. Ich kann hier nur mein Talent nutzen, Dinge zu übersetzen, und an die Bevölkerung heranzubringen, wenn es gewünscht wird. Wir müssen den Menschen klarmachen, unter welchen Bedingungen unsere Ärzte arbeiten. Bei den Krankenhausärzten ist uns das sehr gut gelungen. Nun geht es erst einmal darum, die üblichen Animositäten innerhalb der Ärzteschaft zu verhindern. Frau Schmidt ist es perfekt gelungen, die Ärzteschaft in viele kleine Untergruppen zu spalten. Es gibt immer wieder Menschen, die auf irgendetwas eifersüchtig sind. Die wird man alle unter dem Dach der Kammer zusammenbringen müssen. Und das ist für einen Menschen, der gerne polarisiert wie ich, erst einmal eine Herausforderung.
Kassenarzt: Das heißt, Sie werden im Mai gewohnt kämpferisch vor die Ärzteschaft treten?
Montgomery: Für konkrete Aktionen bedarf es erst einmal einer Koordinierung. Zurzeit handelt es sich bei alldem nur um revolutionäre Ursuppe. Es fehlt die Struktur. Es kann nicht sein, dass wir in Hessen vehement gegen die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und gegen neue elektronische Medien demonstrieren und 20 Kilometer weiter in Baden-Württemberg bei einem Allgemeinarztvertrag mit der AOK ein ungleich offeneres Datensystem schaffen, bei dem die Krankenkassen alle Macht über die Daten haben. Wir müssen auch bundesweit versuchen, konsistent in unserer Argumentation zu bleiben. Vielleicht kann ich dabei helfen.
Kassenarzt: Aus der zweiten Reihe heraus?
Montgomery: Mit der zweiten Reihe habe ich ja manchmal so meine Probleme... (lacht). Aber ich kann auch in der zweiten Reihe sehr gut arbeiten.
Kassenarzt: In den letzten Wochen gab es wieder einmal zahlreiche Diskussionen um den geplanten Gesundheitsfonds, den einheitlichen Krankenkassenbeitrag, über die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern. Tragen solche Diskussionen zu ernsthaften Veränderungen bei?
Montgomery: Ich bin überzeugter Verfechter einer parlamentarischen Demokratie. Und das Parlament hat sich mit großer Mehrheit für den Fonds entschieden, gegen den Rat der Fachleute und der Wissenschaftler. Die laufenden Debatten sind für die Ärzteschaft gefährlich. Der Gesundheitsfonds ist Mist, aber er muss aus der Situation heraus um jeden Preis umgesetzt werden. Ich bezweifele, dass es uns gelingt, ihn noch grundsätzlich zu verhindern. Wer jetztan dieser Debatte teilnimmt, bewirkt bei der Politik eine weitere Verhärtung der Fronten. Beispiel Beitragssatz: Die magische Grenze 15,5 führt dazu, dass die Politik nie im Leben zugeben dürfte, dass der Satz 15,5 oder höher sein kann. Egal was der wirkliche Versorgungsbedarf ist, die Politik wird sich auf eine Hausnummer unter 15,5 festlegen müssen, sonst gäbe es schon wieder einen Gesichtsverlust für Ulla Schmidt oder andere.
Der Fonds ist nur ein Übergangsinstrument. Er ist die Option, damit die eine Seite noch in die Bürgerversicherung und die andere Seite noch in die Prämienversicherung abweichen kann. Ich bin der Meinung, dass die Bürgerversicherung nichts weiter als die Ausweitung des heutigen Mangels auf alle Menschen ist. Während man mit einer vernünftig konstruierten prämienbasierten Volksversicherung etwas Gutes tun könnte.
Kassenarzt: Auch über die Zahl der Krankenkassen wird debattiert. Wäre es für die Ärzteschaft langfristig sinnvoller, wir hätten nur noch fünf bis zehn Kassen?
Montgomery: Wir Ärzte sind konfrontiert mit Wettbewerb. Der Wettbewerb muss herausfinden, welche Zahl richtig ist. Mein Gefühl sagt mir, dass der Wettbewerb die Zahl 250 als zu hoch empfindet. Aber wir Ärzte haben auch ein Interesse daran, dass es am Ende nicht nur zwei oder drei Kassen sind. Denn unsere Verhandlungsposition wird umso schwächer, je oligopolartiger das Ganze organisiert ist. Ob die Grenze bei fünf oder zehn liegt, weiß ich nicht. Aber unter 50 werden wir nie kommen. Das wird für uns Ärzte immer ein ausreichendes Verhandlungsmandat sein.
Kassenarzt: Der aufbrechende Wettbewerb ist politisch so gewollt, er zeichnet sich zunehmend ab, wie Selektivverträge zeigen. Werden wir ob dieser Entwicklung den sicheren Mantel des Kollektivsystems bald missen müssen?
Montgomery: Ich halte die Richtung, beispielsweise in Baden-Württemberg, für grundsätzlich gefährlich. Ich bin der festen Überzeugung, dass, je kleiner die Einheiten sind, die die Verträge abschließen, desto größer das Risiko, dass sie dabei über den Tisch gezogen werden. Es ist ein großer Vorteil, dass in der Bundesrepublik der Bürger, der Patient, egal ob AOK, TK oder DAK, bei jedem Arzt, der über die KV eine Zulassung bekommen hat, seine gesundheitliche Versorgung regeln kann. Ich halte es für absolut blödsinnig, wenn jetzt der AOK Versicherte in BW erst einmal gucken muss, ob der Arzt eine AOK-Zulassung hat. Es ergeben sich zahlreiche Probleme.
Der Kollektivvertrag ist ein hohes und wichtiges Gut. In BW beschleicht mich das Gefühl, dass hier Menschen den Wettbewerb zu ihren Zwecken nutzen. In den KVen wird unter kollektiver Aufsicht Geld verdient. In den Gesellschaften, die diese Verträge abwickeln, ist das nicht so. Das ist alles legal, aber ich frage mich, ob das Geld nicht besser für die Patientenversorgung zur Verfügung stehen sollte. Der einzige Gewinner ist am Ende die Politik. Natürlich bekommen einige Ärzte in Baden-Württemberg erst einmal mehr. Aber sie dürfen nicht vergessen, dass den 120.000 anderen Niedergelassenen durch das, was die mehr kriegen, Honorar abgezogen wird. Egal, ob der Vertrag gut oder schlecht ist, der Vertrag ist Wettbewerb in Reinkultur, auf Kosten der Kollegen. Wir als Kammer müssen solche Konflikte benennen und ausgleichen.
Kassenarzt: Und warum tun Sie das dann nicht?
Montgomery: Wir haben zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus gemacht, dass wir solche Verträge für falsch halten. Dass wir nicht sicher sind, ob eine Servicegesellschaft der Hausärzte hier besser ist als die KVen. Es ist noch ein bisschen früh, um als Ärztekammer darauf einzugehen.
Kassenarzt: Mag sein, aber hier wird schließlich ein Exempel statuiert...
Montgomery: Richtig. Ich sehe in dem Vertrag in BW einen gewissen Ansatz von Megalomanie. Gleichzeitig betrachte ich ihn als Chance – denn er wird nicht funktionieren.
Kassenarzt: Also doch Wettbewerb adé…?
Montgomery: Sie wollen doch nicht etwa einen Adam Smithschen ungeregelten freien Wettbewerb, sondern doch wohl einen, der solidarisch kontrolliert und sozial ist. Meine Prognose für Baden-Württemberg lautet: Der Vertrag wird mehr Probleme mit sich bringen als viele dachten.
Kassenarzt: Sie sind mit einer Schwedin verheiratet. Könnten Sie sich vorstellen, 2011, sollten Sie nicht Präsident werden, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Schweden zu gehen?
Montgomery: Nein. Ich werde 2011 erst 59 Jahre alt sein. Das ist kein Alter, um Deutschland den Rücken zu kehren. Ich glaube an kontinuierliche Arbeit. In Schweden ist es zwar im Sommer fantastisch. Aber der Nieselregeln im November ist nicht schöner als der in Hamburg. Außerdem arbeite ich gerne in Hamburg als Arzt. Ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich meinen fantastischen Arbeitsplatz in der Klinik aufgeben würde. Ich reise für mein Leben gern. Es gibt noch viele Länder, in denen ich mit meinen Kindern noch nicht war. Aber der größte Fehler, den man machen kann, ist wegzugehen, wenn man ein Amt nicht erhält.