Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Die Krankenhausärzte
sind mit ihrer Arbeitssituation extrem unzufrieden
Marburger Bund Umfrage: Jeder zweite Arzt will nicht mehr in der Klinik arbeiten
Beitrag im niedersächsischen Ärzteblatt, November 2007
Spätestens seit den Ärztestreiks an
Universitätskliniken und kommunalen Krankenhäusern im Jahr 2006 war jedem
klar, dass die Arbeitssituation der Mediziner katastrophal ist. Der Marburger
Bund setzte deshalb große Hoffnung in die ersten arztspezifischen Tarifverträge.
Diese sollten ein Fundament für bessere Arbeitsbedingungen sein. Folgerichtig
stellen sich ein Jahr nach Abschluss eine Reihe wichtiger Fragen: Wie haben sich
die MB-Tarifverträge in der Praxis bewährt? Ist es tatsächlich zu einer
signifikanten Verbesserung der Einkommens- und Arbeitssituation gekommen? Haben
wir erste Erfolge gegen die Ärzteflucht und den Ärztemangel erzielen können?
Um diese Fragen zu beantworten, hat der
Marburger Bund ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut beauftragt, Ärzte
zu ihren Arbeitsbedingungen zu befragen. Insgesamt beteiligten sich an der repräsentativen
Umfrage, die im Juni diesen Jahres durchgeführt wurde, knapp 19 000
MB-Mitglieder. So positiv die Beteiligung an der Erhebung ausfiel, so negativ
ist leider das Ergebnis.
Die Arbeitsbedingungen der deutschen
Krankenhausärzte sind so katastrophal, dass jeder zweite Mediziner seinen Job
am liebsten an den Nagel hängen würde. Immer noch verstoßen die
Klinikarbeitgeber systematisch gegen das Arbeitszeitgesetz und brechen gezielt
Bestimmungen der arztspezifischen Tarifverträge. Extreme Arbeitsbelastung
aufgrund gesetzweswidriger Dienstzeiten, millionenfach unvergütete Überstunden,
unzureichende Arbeitszeiterfassung und kaum Möglichkeiten, Familie und Beruf zu
vereinbaren – so sieht nach wie vor der deprimierende Arbeitsalltag der Ärzte
in den meisten der über 2 100 deutschen Krankenhäuser aus.
Damit hat sich auch ein Jahr nach den großen
Tarifauseinandersetzungen nicht viel geändert. Allerdings zeigt sich bei der
Analyse, dass es weniger an den Tarifverträgen selbst liegt, als vielmehr an
der vielerorts von Arbeitgeberwillkür geprägten Umsetzung, mit der wir uns
herumschlagen müssen. Es werden Interpretationen aufgetischt, die nichts, aber
wirklich gar nichts mit den Tarifverträgen zu tun haben.
Besonders bedenklich ist im Ergebnis der
Marburger Bund Umfrage, dass selbst bei den tarifrechtlich klar geregelten
Tatbeständen viele Ärzte noch immer Fehlanzeige melden. 49 Prozent der Ärzte
beklagen eine fehlende systematische Arbeitszeiterfassung, dabei ist die seit
1996 gesetzliche Pflicht! Noch immer werden Überstunden zu über 60 Prozent
weder bezahlt noch in Freizeit ausgeglichen. Unsere Studie belegt: Die deutschen
Krankenhausärzte werden von ihren Arbeitgebern um etwa eine Milliarde Euro im
Jahr für nicht vergütete Überstunden betrogen! Und wann endlich hört der
Rechtsbruch beim opt-out auf? 79 Prozent der Ärzte leisten Arbeit, die ohne
opt-out nicht möglich wäre. Aber nur 21 Prozent haben auch eine opt-out-Erklärung
unterschrieben. Summa summarum: Ärztinnen und Ärzte leiden nach wie vor unter
Arbeitgeberwillkür, dem Bruch des Arbeitszeitgesetzes und der systematischen
Missachtung der Tarifverträge.
Was aber sagen die Arbeitgeber zu diesen
empirisch belegten Tatsachen? Kann man etwa von ihnen Einsicht und Besserung
erwarten? Mitnichten! Die Reaktion der Arbeitgeber lies gar nicht lange auf sich
warten. So prompt sie kam, so peinlich war sie. Die Deutsche
Krankenhausgesellschaft sprach bei der MB-Umfrage von einem „durchschaubaren
Gewerkschaftsmanöver“ und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände,
der Arbeitgeberdachverband der kommunalen Kliniken, lies es sich nicht nehmen,
über die „diffamierenden
Pauschalangriffe der Gewerkschaft“ zu klagen. Kein Wort zu den
erschreckenden Ergebnissen der repräsentativen Umfrage, kein Signal, auf die
unzumutbaren Arbeitsbedingungen reagieren zu wollen. Wieder einmal haben die
Klinikarbeitgeber bewiesen, was sie von ihrer Fürsorgepflicht gegenüber ihren
wichtigsten Leistungsträgern halten – nämlich rein gar nichts.
Für den Marburger Bund ist deshalb klar, dass auch bei den anstehenden Tarifrunden mit noch härteren Bandagen für eine wirkliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen gekämpft werden muss. Nur wenn es uns gelingt, anständige Gehälter und Arbeitsbedingungen zu tarifieren, die auch in der Praxis umgesetzt werden, sehe ich gute Chancen, dem Ärztemangel entgegen zu treten und eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung aufrecht zu erhalten.