Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Verdi hat für das Klinikpersonal schlecht verhandelt
Kommentar im Neuen Deutschland, 7. Juli 2006
Die Arbeitsbedingungen der Klinikärzte haben sich in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert. Überlange Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste, die zur Vollarbeit verkommen sind, millionenfach unbezahlte Überstunden, Kürzung der Einkommen, kaum Karrierechancen – der Arztberuf ist vom Traumjob zum Jobtrauma verkommen. Klar, dass der Marburger Bund (MB) als Gewerkschaft der Krankenhausärzte aktiv etwas dagegen unternehmen musste. Da Verdi sich nicht imstande sah, bei den Verhandlungen für den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) ärztespezifische Interessen zu vertreten, hat der MB der Großgewerkschaft das Verhandlungsmandat entzogen und fortan eigenständig verhandelt.
Grundübel dieses TVöD sind krasse Einkommenskürzungen für junge Ärzte. So verliert ein 29jähriger verheirateter Berufseinsteiger gegenüber altem BAT nach zehn Jahren rund 31.300 Euro, nach 20 Jahren gar 67.800 Euro. Mit dem Abschluss eines eigenen arztspezifischen Tarifvertrages an den Unikliniken hat der MB bewiesen, dass er erfolgreich für Ärzte verhandeln und abschließen kann. Das kränkt Verdi umso mehr, hat die Gewerkschaft doch in den vergangenen Wochen nichts unversucht gelassen, den Ärzte-Tarif zu torpedieren.
Gleiches versuchen die Verdi-Funktionäre nun auch bei den Verhandlungen für die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern. Angeblich sei der MB egoistisch und würde auf Kosten der übrigen Berufsgruppen Lohnsteigerungen durchsetzen wollen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Anfang der 90er Jahre zeigten sich die Ärzte beim sogenannten Pflegenotstand solidarisch, indem Gehaltserhöhungen für Schwestern und Pfleger von bis zu 25 Prozent durch Einkommensverzicht bei den Medizinern mitfinanziert wurden.
Nun herrscht ein dramatischer Ärztemangel, dem wir mit einem arztspezifischen Tarifvertrag entgegentreten müssen. Bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte müssen aber nicht zu Lasten anderer Berufsgruppen gehen. Ganz im Gegenteil, wer eine Berufsgruppe benachteiligt, hat nicht begriffen, dass das Krankenhaus nur in Teamarbeit funktioniert. Verdi sollte deshalb seine Neiddebatte einstellen und sich mehr für Schwestern und Pfleger einsetzen. Schließlich ist es ein Armutszeugnis, dass Verdi nun Streiks in Kliniken gegen einen Tarifvertrag anzettelt, den dieselben Funktionäre noch vor wenigen Monaten großspurig gefeiert hatten.