Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Tarifabschluss: Kritik, Kritik, Kritik...
Kommentar in der Marburger Bund Zeitung, 10. November 2006
Viel Kritik mussten sich Vorstand, Hauptgeschäftsführung und Mitarbeiter des Marburger Bundes auf der 110. Hauptversammlung des Marburger Bundes anhören. Viele der 183 Delegierten bemängelten Strategie und Taktik, Ablauf oder Ergebnis der Tarifverhandlungen des Jahres 2006.
Das war wichtig und auch gut so. Selbst die eine oder andere sprachliche Entgleisung half – als Ausdruck emotionaler Beteiligung – bei der Aufarbeitung der Stärken und Schwächen des vergangenen Jahres.
Machen wir uns nichts vor: Der Marburger Bund hat so etwas wie eine gewerkschaftspolitische Pubertät durchlaufen. In weniger als einem Jahr haben wir uns von einem Standesverband mit gewerkschaftlichen Ansätzen zu einer veritablen Gewerkschaft gemausert – und sind gleichzeitig eine ständische Interessenvertretung geblieben!
Wie alle beschleunigten Wachstumsprozesse geht so etwas nicht ohne „Wachstumsschmerzen“ ab. Und so legten die Delegierten schonungslos ihre Finger in die Wunden:
Kommunikation: Immer wieder wurde bemängelt, dass trotz Zeitung, zweier Internetforen, mehrerer Newsletter und mehrerer E-Mail-Verteiler immer noch erhebliche Kommunikationsdefizite mit der Basis bestehen. Diese Kritik ist berechtigt, nur trifft sie wahrscheinlich den falschen Adressaten. Der Bundesverband hat kaum direkten Zugang zu den einzelnen Mitgliedern – dies ist satzungsgemäß Aufgabe der Landesverbände. Und so ist der Prozess der Kommunikation oft eher ein Prozess des „Holens“ von Information durch die Mitglieder denn ein „Senden“ von Kommunikation durch den Bundesverband. Wir haben einfach nicht die Instrumente, um direkt auf alle Mitglieder zuzugreifen. Hier muss sich dringend etwas verbessern.
Strategie und Taktik des Arbeitskampfes: Es ist richtig, dass es diffuse Ausfransungen im Streikprozess gegeben hat. Obwohl die Satzungslage (aus Satzung und Streikordnung) eindeutig den Tarifkommissionen und der Streikleitung des Bundesvorstandes Organisationsrechte gibt, ist die „Reaktionsgeschwindigkeit“ der einzelnen Landesverbände sehr unterschiedlich. Und so entsteht in der Öffentlichkeit und auch bei den Mitgliedern oft ein heterogenes, unabgestimmt wirkendes Bild des Streikgeschehens. Schließlich dürfen wir auch nicht die Augen davor verschließen, dass sich manche Landesverbände nicht vollständig an die strategischen Vorgaben der Bundesorganisation halten. Ein gutes Beispiel war der Abschluss von „Insellösungen“ zur Streikverschonung im Tarifkampf mit der VKA. Obwohl der Bundesvorstand, die Tarifkommission und die Assistentengremien sich eindeutig gegen diese Verträge aussprachen, wurden sie in manchen Regionen zu einer flächendeckenden, solidaritätsaushöhlenden Seuche.
Organisation: Wen wundert es, wenn eine so schnell wachsende Gewerkschaft erst einmal mit der Organisationsstruktur hadert. Organisationen wachsen nun einmal in nicht gerade üppig ausgestatteten Verbänden mit den Aufgaben und leider nicht schon vorher. Mitarbeiter, vor allem neue, muss man erst einmal einstellen und schulen. Und selbst dann dauert es noch ein paar Tage, bis alle den echten Marburger-Bund-„Stallgeruch“ angenommen haben.
Wir haben uns diesen Aufgaben gestellt. Die Kritik der Hauptversammlung ist angekommen und war hilfreich. Wir können davon nur lernen, es besser zu machen – beim nächsten Mal.
Nach dem Kampf ist vor dem Kampf. Dieser Allgemeinplatz gilt in besonderem Maße für das Tarifgeschäft. Schon Ende des kommenden Jahres laufen die ersten Tarifverträge wieder aus. In zwölf Monaten werden wir uns wieder für harte Kämpfe an zwei Fronten rüsten müssen. Verdi wird mit aller Macht (und viel Unterstützung durch die Arbeitgeber) versuchen, ihr verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Die Arbeitgeber werden ihr perfides Doppelspiel über zwei Gewerkschaften wieder genauso einsetzen wie in diesem Jahr.
Wir müssen also lernen und uns ändern. Aber auch unsere Kritiker unter den Mitgliedern dürfen nicht nur in der Kritik verharren. Auch ihnen muss klar sein, dass die, die aus ihrer Kritik nun eine Verweigerungshaltung ableiten, die Niederlage der nächsten Tarifauseinandersetzung provozieren. Aus der Kritik abgeleitete Lethargie wird zur „Selffulfilling Prophecy“ des Scheiterns.
Das darf nicht geschehen!