Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Ärztepower gegen Sparwahnsinn!

Rede beim "Tag der Ärzte" in Berlin, 18. Januar 2006

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eigentlich sollten wir hier heute zusammenkommen, um gemeinsam die Erfolgsgeschichte des deutschen Gesundheitswesens zu feiern. Die Menschen in unserem Land leben immer länger – dank unserer Arbeit. Weil du arm bist, musst Du früher sterben, dieser Satz gilt noch nicht – dank unserer Arbeit. Warteschlangen für Kranke und Leidende gibt es noch nicht – dank unserer Arbeit.

Immer mehr Menschen arbeiten im Gesundheitswesen – zum Wohle der Kranken und der Gesellschaft. Und dabei sind wir hochflexibel: Wir haben in den letzten 10 Jahren nicht nur 10% der Krankenhäuser geschlossen, 20% der Betten abgebaut, 15 % mehr Patienten behandelt und die Verweildauer um über 38% gesenkt. Jeder Industriemanager wäre froh, wenn er für sein Unternehmen solche Kennzahlen der Produktivitätssteigerung vorlegen könnte!

In den Praxen und Krankenhäusern werden immer mehr Menschen behandelt und geheilt – dank unserer Arbeit. Aber was ist der Lohn für unsere Arbeit?

Eingefrorene oder sinkende Budgets, Arzneimittel-Malus und Regress, Krankenkassenbürokratie und Arbeitgeberwillkür im Krankenhaus.

So ruiniert man Qualität und Wettbewerbsfähigkeit, so ruiniert man die Krankenversorgung und  Forschung.  Am Schlimmsten aber: so ruiniert man Motivation!

Wer Ärzte benachteiligt, wer Ärzte demotiviert, wer dauernd mehr Arbeit verlangt für weniger Geld, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Patienten in Gefahr zu bringen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich glaube manchmal, die Politik weiß gar nicht, was sie da im Moment tut.  Sie ist auch ganz offensichtlich schlecht beraten.

Das Arbeitgebernahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in seinem Wochenbericht festgestellt: „ Es zeigt sich, dass sich das durchschnittliche reale Nettoeinkommen  der jungen Ärzte in Zeitraum von 1993 bis 2002 um 7,5% verringert hat. Damit stellen die Ärzte dieser Altersgruppe in der Einkommensentwicklung deutlich schlechter als andere im öffentlichen Dienst beschäftigte Akademiker dieses Alters, deren Durchschnittsgehälter real um rund 3% gestiegen sind und noch schlechter als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, die einen Lohnzuwachs von 6% zu verzeichnen haben.“ 

7,5% weniger für uns – 3 – 6 % mehr für die anderen: das macht 10,5 – 13,5% Unterschied.

Und über den Stundenlohn sagt das DIW – ohne rot zu werden: „…junge Ärzte verdienen heute mit netto 10,80 € pro Stunde weniger als Grundschullehrer, die es immerhin auf 11,90€ bringen“. 

Das sind doch klare Signale, dass Ärzte überbelastet und unterbezahlt sind!

Aber welche Schlussfolgerungen leitet das IW dann daraus ab? Da heißt es doch wirklich:

„Die niedrigen Gehälter zu Beginn der beruflichen Laufbahn von Ärzten könnten mit den erheblichen Kosten des Medizinstudiums gerechtfertigt werden, das mit 400.000 DM pro Studienplatz das mit großem Abstand teuerste Studienfach ist, ohne dass dafür Studiengebühren fällig waren…“

Und: „..Bei der Bewertung des Einkommens junger Ärzte kann auch berücksichtigt werden, dass die Mediziner ein hohes Sozialprestige genießen… Solche nichtpekuniären Erträge sind bei ihnen deutlich höher als bei allen anderen Akademikern..“

Das heißt also: Wir sollen für all die viele Arbeit im Studium und unseren guten Ruf extra bezahlen. Das stellt doch das Leistungsprinzip auch den Kopf: Wer einen guten Ruf hat, weil er gute Arbeit leistet, der bekommt nicht gutes Geld, sondern abgedroschene Sprüche und hohle Phrasen!

Und schließlich hat das DIW noch einen Rat auf Lager: Man soll doch auch berücksichtigen, dass man als Arzt ab dem Facharzt die Möglichkeit der Niederlassung hat, wo man dann ja doch deutlich mehr verdiene. In der Sprache des DIW klingt der Rat an uns dann so:“…Diese Entwicklungschancen können sich die demonstrierenden Ärzte vergegenwärtigen und die momentan unbefriedigende Situation stärker im Sinne einer Investition in ihr Humankapital begreifen….“

Und das Fazit: „..Ein Ansatzpunkt besteht möglicherweise in der Anwerbung von jungen Ärzten aus osteuropäischen EU-Ländern oder aber auch in einer Verpflichtung der jungen Ärzte, eine bestimmte Zeit an öffentlichen Krankenhäusern in Deutschland zuzubringen..“

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist der blanke Zynismus, den ich je gehört habe. Hilfsknechte aus anderen EU-Ländern einstellen und Zwangsarbeit an deutschen Krankenhäusern. Politikern, die so beraten werden, müssen wir den Marsch blasen, denen müssen wir zeigen, dass wir es satt haben, von Ihnen wie Knechte behandelt zu werden, die viel arbeiten sollen, wenig verdienen und ansonsten den Mund halten!

Nein, das ist vorbei: Wir werden nicht eher aufhören, zu kämpfen, gemeinsam zu kämpfen, bis wir wieder einträgliche und erträgliche Arbeitsbedingungen für alle erreicht haben!

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Vorsitzender des Marburger Bundes

 

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