Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Patient, Arzt, Finanzen – wer steht im Mittelpunkt der Reform?

Rede beim Handelsblatt-Forum in Berlin, 6. Juli 2006

Wir erleben zurzeit die ersten echten Streiks der Ärzteschaft. So etwas hat es noch nie gegeben. Und doch haben diese Streiks von ihrer Ursache her nichts mit der Diskussion um die Gesundheitsreform zu tun. Für mich, in meinem Amt als Vorsitzender des Marburger Bundes steht natürlich gegenwärtig der Arzt im Mittelpunkt. Aber natürlich setzen uns finanzielle Überlegungen Grenzen und dient alles dem Patienten. Wir sollten daher nicht von einem „Mittelpunkt“ der Reform, sondern von einem magischen Dreieck sprechen. Und dabei sollten wir den Begriff des Arztes gegenüber der Politik um das Spektrum „Mitarbeiter“ erweitern.

Patienten / Krankenhausmitarbeiter / Finanzen – das magische Dreieck der Reform?

Die Sache wird schnell klar: zurzeit wird wieder einmal nur über Finanzen geredet. Auch die eminent wichtige „Strukturdebatte“ wird nur unter finanziellen Auspizien geführt. Wir reden Struktur und meinen Geld – so ist das schon seit Jahren.

Die Ärzteschaft in Krankenhaus und Praxis aber hat genug von dieser Art der Debatten. In den Praxen hat man genug von Budgetierung und Bürokratisierung. Noch nie war es so leicht, so viele Ärztinnen und Ärzte auf die Strasse zu bringen. Noch nie war es so einfach, Einigkeit, Solidarität und Sympathie füreinander unter den oftmals ja heillos zerstrittenen Fraktionen der Ärzteschaft zu stiften. 

Und bei den Krankenhausärzten hat sich in einem Befreiungsschlag an den Universitäten etwas Raum geschaffen, was jahrzehntelang aufgestaut wurde und unter dem Deckel von Hierarchie und Entmachtung gehalten wurde. Der Deckel ist weggeflogen, der Druck war zu groß.

Wie konnte es dazu kommen, dass ein so friedliches Völkchen, wie die Ärzte, 15 Wochen streikt, jede Woche demonstriert, mit pfiffigen Aktionen auf ihre Probleme hinweist, für eine auf den ersten Blick absurde Forderung von 30% mehr Gehalt dauerhaft eine Zustimmung von mehr als Drei Viertel der Bevölkerung erhält?

Es war gelungen, auf die von den Arbeitgebern in ihrer absurden Arroganz herabgewirtschafteten Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten und das im Vergleich dazu miese Arbeitsentgelt hinzuweisen. Es war die geplante Darstellung eines dritten Arztbildes in der Wahrnehmung der Bevölkerung, die zu der Sympathie und zum Durchhaltewillen geführt hat. 

Wir haben mit der Debatte um das Arbeitszeitgesetz bewusst damit begonnen, neben den in der Bevölkerung präsenten Arztbildern des Chefarztes und des niedergelassenen Arztes noch den jungen Assistenzarzt zu implantieren. Ein ausgebeutetes, überarbeitetes, unterbezahltes, mit einem Wort ein bedauernswertes Individuum. Gegeben hat es diese armen Menschen schon immer, aber ihr Wirken war nicht präsent. Das haben wir verändert.

Und damit war es möglich darauf hinzuweisen, dass

Die Faktenlage ist klar und einfach:

Es war an der Zeit, etwas zu ändern. 

Wir Krankenhausärzte haben begrüßt, dass sich die Krankenhäuser auf den Weg eines dramatischen Strukturwandels begeben. Schon vor der Einführung der Fallpauschalen (DRG’s), bei denen ja bei manchen erst der Beginn der Veränderung erkannt wird, haben wir uns auf den Weg des Strukturwandels begeben.

So wurden in den 10 Jahren zwischen 1993 und 2002 nicht nur 10% der Krankenhäuser geschlossen und 20% der Betten abgebaut. Es wurde auch die Verweildauer um ein Drittel gesenkt und die Zahl der Fälle um 20% erhöht. Mit Ausnahme der Fallzahl, die wieder etwas rückläufig ist, setzen alle anderen Parameter ihre Tendenzen unbeirrt fort. Dies war und ist ein gewaltiger Produktivitätsfortschritt – erbracht von Ärzten und Schwestern, MTA`s und anderen patientennahen Mitarbeitern. Jede Aktiengesellschaft wäre stolz, wenn sie derartige Kennziffern auf ihrer Hauptversammlung den Aktionären vorlegen könnte. Nur wir im Krankenhaus müssen uns vorhalten lassen, unflexibel, reformresistent und altertümlich zu sein. Bodenloser Quatsch ist das, die Krankenhäuser sind und bleiben Motor des Fortschritts in der deutschen Medizin.

Und die Ärzte (und die Schwestern) wollen nicht länger als Maschinisten und Kohleträger dieses auf über 60 Mrd. € angewachsenen Wirtschaftszweigs sein. Sie sind die Ingenieure und Architekten. Sie wollen selbst bestimmen über ihre Zukunft und ihre Arbeit.

Und deswegen wehren sie sich gegen Gewerkschaften, von denen sie nicht vertreten werden und Arbeitgebern, die sich noch nie um die Belange ihrer Mitarbeiter gekümmert haben. Sie fordern endlich Respekt vor ihrer Arbeit ein, sie wollen in einem Umfeld arbeiten, das ihrer Ausbildung, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Verantwortung angemessen ist und sie wollen dafür auch anständig bezahlt werden.

Das Frühjahr 2006 war enorm wichtig für die Ärzte: sie haben gelernt, „Gemeinsam sind wir eine Macht“. Der Geist ist aus der Flasche. Wir kämpfen und wir siegen.

Die Ziele dieses Kampfes sind schnell erklärt:

Wir kämpfen für bessere Arbeitszeiten

Wir wollen nicht nur 38,5 Stunden in der Woche arbeiten, wir sind leistungsbereit und lieben unsere Arbeit. Aber wir wollen auch nicht mehr 80 Stunden und mehr arbeiten – und uns dann um unsere Überstundenbezahlung betrogen sehen. Europa gibt uns Vorgaben, andere Berufe wie Piloten und Lastwagenfahrer machen es uns vor.

Wir kämpfen für besser Arbeitsbedingungen

Wir wollen nicht mehr die Schreibknechte und Hilfsarbeiter der Verwaltungen und der Krankenkassen sein, wir wollen wahrgenommen werden als die entscheidenden Leistungsträger. Als die Produzenten der Ware „Gesundheit“ und nicht als deren Buchhalter. Wir wollen daher, dass bürokratische und nichtmedizinische Aufgaben wieder auf andere Berufsgruppen verlagert werden.

Wir kämpfen für bessere Gehälter

Wir wollen nicht mehr für skandalöse Grundgehälter arbeiten und dann auch noch um jedes Zubrot betteln müssen; wir wollen auch nicht mehr abgezinste Bereitschaftsdienste leisten, bei denen die Leistungsbereitschaft des Arztes noch  durch Lohnabschläge bestraft wird. Und wir wollen endlich international vergleichbare Gehälter, damit die Abwanderung aufhört.

Was hat das alles mit der Gesundheitsreform zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts. Weder ist die abgehobene, manchmal von Kafka’esken Wirrungen durchzogene Reformdebatte ursächlich für die Verschlechterung der Situation der Krankenhausärzte, noch beschleicht einen der Verdacht, dass diejenigen, die dort verhandeln, die reale Lebenssituation von Mitarbeitern in großen Krankenhäusern überhaupt kennen. 

Aber auf den zweiten Blick legt eine Gesundheitsreform natürlich das Fundament für funktionierende Krankenhäuser – unsere Arbeitsplätze. Und deswegen müssen wir uns eben einmischen, wenn so ein bürokratisches Monstrum wie der Gesundheitsfonds aufgebauscht wird. Und wir müssen uns auch der Frage stellen, wollen wir eine Bürgerversicherung oder eine Bürgerprämie?

Wir Ärzte sind es leid, immer nur den von der Politik aufgehäuften Mangel zu verwalten. Wir wollen bei der Vermeidung des Mangels mitreden – nicht nur ihn verwalten. Wir müssen die Politik dazu zwingen, der Bevölkerung ehrlich und offen gegenüber zu treten und sich dazu zu bekennen, dass Fortschritt und demographischer Wandel nicht zum Nulltarif via Kostendämpfung zu haben sein werden.

Und deswegen steckt in dem Streik der Krankenhausärzte genauso wie in der Solidarisierung mit den und durch die niedergelassenen Ärzte ein großes Potential für die Zukunft. Wir sind – im Frühjahr 2006 – dabei, das  Koordinatensystem auch für die Politik zu verändern.

Gemeinsam sind wir eine Macht.

Gemeinsam fordern wir eine ehrliche Debatte um Risiken und Chancen einer modernen Gesundheitsversorgung durch moderne Medizin und gemeinsam verlangen  wir gesellschaftliche Teilhabe an den Veränderungsprozessen.

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Vorsitzender des Marburger Bundes

 

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