Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Über das Berufsbild des Arztes in Deutschland

Interview mit der Schweizerischen Zeitschrift FMCH direct, 9. November 2006

Der Name klingt kriegerisch. Aber Frank Ulrich Montgomery ist im Grunde ein ganz normaler Arzt mit Lebensmittelpunkt in Hamburg, vielleicht ein wenig mehr als andere durch eine familiäre Ärzte-Tradition dynastisch vorbelastet; vielleicht ein wenig polyglotter denkend als andere, die wie er in Hamburg studiert, ihre Ausbildung absolviert und ihr berufliches Tätigkeitsfeld gefunden haben. 1952 geboren als Sohn eines englischen Offiziers, der in der Folge des 2. Weltkriegs nach Deutschland gekommen war (und später nach England zurückkehren musste für seine zivile Tätigkeit als Anwalt, da eine Anerkennung seiner Diplome damals undenkbar war), und einer Hausärztin „hatte ich gar keine Alternative zum Arztberuf – ich bereue das nicht, finde es im Gegenteil immer noch toll.“ Ferien verbrachte er meist beim Vater, Schule und Studium absolvierte er in Hamburg. Ein Aufenthalt in Sydney galt formal als Auslandstudium - „ich habe aber in Wirklichkeit dort mehr das Leben als die Medizin studiert.“ Dann folgte die Facharzt-Ausbildung für Radiologie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, wo er seit 1986 als Oberarzt tätig ist. Er ist verheiratet mit einer wiederum in Hamburg niedergelassenen Fachärztin für Allgemeinmedizin, die in Schweden aufgewachsen ist, und Vater von zwei Kindern.

Und dann gibt es da noch eine ganz andere Seite, den Frank U. Montgomery im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, „den Berufsrevoluzzer“, als der er von der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich und der Alumni-Vereinigung der Uni Zürich am vergangenen 9. November für einen Vortrag eingeladen wurde. Eine Auseinandersetzung mit seinem ersten Chef in der Klinik wurde zum Schlüsselereignis; er wandte sich für Hilfe an den Marburger Bund, die Dachorganisation der 110'000 in Kliniken angestellten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands. Der Marburger Bund holte ihn in den Vorstand, 1983 wurde er Vorsitzender der Hamburger Sektion, seit 1989 ist er Bundesvorsitzender. „Das gibt es nur in Deutschland, dass man so eine Position so lange behalten kann; in allen vernünftigen Ländern muss man ein Amt nach einer gewissen Zeit auch wieder einmal abgeben.“ Er engagierte sich auch in den Ärztekammern von Land und Bund. Vor allem aber wurde er über die Grenzen hinaus bekannt, als er mit dem Marburger Bund die wachsende Unzufriedenheit junger deutscher Ärzte im Herbst 2005 in spektakulären Streik-Aktionen zusammenfasste und schließlich am Verhandlungstisch ihre Anstellungsbedingungen verbessern konnte. „Nein, das war in gewerkschaftlichen Termini kein “Streik der Ärzte“, höchstens Streik light. Aber eigentlich war es ein Sklavenaufstand!“

Am Rande der Veranstaltung in Zürich hat sich Frank U. Montgomery die Zeit genommen, auch einige Fragen für FMCH direct zu beantworten. Er hält sich dabei nicht bedeckt wie ein Politiker, der sich flächendeckend beliebt machen will, sondern arbeitet im Stil des Radiologen: eine nüchterne, analytische Durchleuchtung der Situation, gefolgt von einer sachlichen, aber prägnant formulierten, ungeschminkt treffenden Diagnose.

FMCH direct: Hat Ihr internationaler familiärer Hintergrund zu Ihrem politischen Interesse und Engagement geführt?

Montgomery: „Natürlich führte die (Mediziner-)Familie und ihre Mehrsprachigkeit zwangsläufig dazu, dass ich mich auch in europäische Ärztepolitik einmische und versuche, im internationalen Austausch vor allem in der EU aktiv zu sein. Aber einen Grund für meine berufspolitischen Interessen sehe ich darin nicht. Ich habe mir ohnehin nie vorgestellt, einmal beruflich politisch tätig zu werden. Ich habe als Student nicht politisiert, bin kein Parteisoldat. Eigentlich habe ich zuerst eine klassische Universitäts-Laufbahn angestrebt. Erst im Verlauf von Publikationen und anderen universitären Aufgaben habe ich irgendwann gemerkt, dass mir eigentlich die politische Karriere mehr liegt und mehr Spaß macht.“

Bleibt Ihnen da noch Zeit für Ihre medizinischen Aufgaben?

Montgomery: „Ich arbeite an einer sehr grossen Klinik und habe unbeschreiblich viel Unterstützung durch meine Mit-Oberärzte, Assistenten und vor allem auch meinen Chef. Dank ihnen kann ich meine Arbeit so einteilen, dass ich in ruhigeren Zeiten zur Hälfte der Arbeitszeit in der Klinik bin. Aber natürlich wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, zu Zeiten der Streiks die Klinik von innen gesehen zu haben.“

Was läuft in den Krankenhäusern Deutschlands nicht rund ? Sind die finanziellen Anreize falsch ? Was ist die Ursache für das grossen Unbehagens der Ärzteschaft?

Montgomery: „Es hat sicher etwas mit finanziellen Anreizen zu tun, mehr aber noch mit der gesellschaftlichen Stellung von Ärzten. Wir haben uns in den letzten zwanzig Jahren daran gewöhnt – auch in Zeiten eines Ärzteüberschusses, den es in Deutschland einmal gegeben hat -, jede Arbeitszeit-Verlängerung, jede ausbleibende Lohnerhöhung, jede Verdichtung unserer Arbeit klaglos hinzunehmen bis zu einem Moment, wo dieser Knoten eben geplatzt ist, weil es einfach nicht mehr ging. Wir haben inzwischen die schlechtest bezahlten Ärzte in Europa, müssen sehr viel arbeiten, und das deutsche Gesundheitssystem befindet sich seit eineinhalb Jahrzehnten in einem Dauer-Umbruch. Diese Umbruch-Situation erzeugt auch Ängste und Aggressionen, Unsicherheiten bezüglich der beruflichen Zukunft. Irgendwann entsteht daraus ein revolutionärer Urschlamm. Das ist im Sommer 2005 passiert, da war die kritische Masse an Frustration erreicht. Nun kann man nicht aus dem Stand heraus streiken. Ich selber hätte mir nie träumen lassen, dass Ärzte so etwas tun, und bei der Einführung eines neuen Geschäftsführers beim Marburger Bund vor zwei Jahren habe ich ihm noch gesagt, er sei hier bei einem sehr bequemen kommoden Verband angestellt, und er werde nie erleben, dass mehr als dreissig Ärzte auf einmal demonstrieren oder gar streiken würden. Innerhalb von zwei Jahren war ich eines anderen belehrt. Das ist uns Ärzten nicht in die Wiege gelegt, gehört nicht zur primären Sozialisation des Medizinstudenten, und die meisten Ärzte bewegen sich in einem politischen Spektrum, wo der Streik eher als etwas Negatives betrachtet wird. Unser Ansehen entwickelt sich schon lange vom Halbgott in Weiss weg – wenn wir wie Arbeiter mit Trillerpfeife und Mütze auf die Strasse gehen, müssen wir uns bewusst sein, dass solche Aktionen die Entmystifizierung der Ärzte weiter fördern.“

Was hat denn das Fass trotz dieser Bedenken zum Überlaufen gebracht?

Montgomery: „Dass man ein so friedfertiges und brav arbeitendes Völkchen wie uns Ärzte zum Streiken bringt, ist schon eine geniale Leistung der Politik! In Deutschland erleben wir derzeit eine fantastische narzisstische Erweiterung des Politikbegriffs unter dem Motto „endlich haben wir einmal Mehrheiten, mit denen wir etwas bewegen können“ – und wir stellen fest, dass genau das Gegenteil eintritt in der Grossen Koalition, nämlich Stellungskriege par excellence. Dagegen sind Ärztestreiks geradezu vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltungen… Unsere Probleme von uns Ärzten sind für uns ganz vorne, in den obersten Windungen des Hirns – aber für die 83 Millionen der Bevölkerung, die sich in einem riesigen Umstrukturierungsprozess befinden, sind die Probleme von 145'000 Ärzten in den Krankenhäusern immer noch eine quantité negligeable. Selbst wenn alle 110'000 Mitglieder des Marburger Bundes geschlossen in Streik treten würden, so änderte sich in dem Moment außer der Mortalitätsstatistik vorerst wenig. Es bedarf also anderer Mittel, um eine Welle auszulösen, die über die Bevölkerung bis in die Politik schwappt.“

Wie kann man die Bevölkerung mobilisieren für Anliegen der Ärzteschaft?

Montgomery: „Man muss Bilder erfinden. Wenn Sie sich in der Klinik hinstellen und die Arbeit verweigern, interessiert das keinen Menschen, man muss das bildhaft transportieren. Die erste Aktion als Beispiel war eine Auswanderung. Wir haben an einem wunderbaren Augustnachmittag in Berlin mehrere grosse Auswandererschiffe gechartert, haben am Ende eines Demonstrationsmarsches durch die Stadt 3000 Ärzte im weissen Kittel auf die Schiffe verfrachtet und sind mit ihnen am Kanzleramt und Reichstag vorbei gefahren; sämtliche Fernsehkameras Deutschlands standen auf den Brücken und haben diesen Exodus der Ärzte gefilmt. -  Natürlich hinten an der Brücke an der Bellevue passen die Schiffe nicht mehr unter der Brücke durch, wir haben umgedreht und waren eine Stunde später wieder am Anlegeplatz zurück, da waren aber die Kameras abgebaut. Da waren die TV-Leute schon am Schneiden des Films „Junge Ärzte müssen auswandern“. Zum Glück, denn ein übereiliger Mitarbeiter von mir hatte eine kleine Party organisiert für die Rückkehr; da standen sie also in ihren Arztkitteln, rauchten Zigarren und tranken Bier. Wenn das gefilmt worden wäre… so nah ist man eben auch stets am Scheitern einer Aktion, die wahrscheinlich den gesamten Erfolg unserer Protestaktionen gefährdet hätte.“

Wie sahen weitere solche Aktionen aus?

Montgomery: „In Wirklichkeit war das ja nicht ein Streik, sondern eine gewaltige Publicity-Blase, dankbar von den Medien transportiert; ich kann mich nur immer wieder bei den Journalisten bedanken für die Art, wie sie über unsere Aktionen berichtet haben. Ich habe in meinen vielen Jahren Vorsitz im Marburger Bund diverse Male den Streik ausgerufen, und wenn ich mich umschaute, stand keiner hinter mir. – Diesmal war es anders. Junge Chirurgen in Heidelberg hatten die Schnauze voll von ihrer Arbeit und machten den Laden dicht; junge Internisten in Tübingen, Ärzte an der Charité in Berlin; plötzlich war der Marburger Bund als Verband nur noch derjenige, der das alles zusammenfasste und den Protesten eine Struktur gab.“

Und die Bevölkerung hat sich tatsächlich solidarisiert?

Montgomery: „Da mussten wir Vorarbeit leisten. In einer Umfrage im Jahr 2000 kannte der Mann auf der Strasse nur zwei Typen Ärzte: den klassischen niedergelassenen Hausarzt, und den Klinik-Chef. Am Rande auch interessant: 80% der Befragten hielten den Stand der Ärzte für eine mafiöse Struktur von Betrügern und geldgierigen Beutelschneidern; jeder einzelne der Befragten hatte dagegen das grosse Glück, dass sein persönlicher Hausarzt des Vertrauens zufälligerweise gerade nicht diesen Charakteristika entsprach… Ein solches Umfrage-Ergebnis war natürlich eine Ohrfeige für uns Funktionäre. Also haben wir den jungen Krankenhausarzt, sympathisch, engagiert, überarbeitet und unterbezahlt, „neu erfunden“ für die öffentliche Wahrnehmung. Gleichzeitig kamen am Fernsehen „Emergency Room“ und andere entsprechende Sendungen in Mode. Dieses Lied haben wir etwa drei Jahre lang der Bevölkerung unablässig gesungen – und dann halfen uns die Arbeitgeber. In völliger Verkennung der Situation hat man zuerst die Einkommen der jungen Ärzte noch weiter heruntergefahren; 2003 haben sie uns in ihrer Borniertheit auch noch das Weihnachtsgeld gekündigt (also 7.5% des Jahresgehalts) und dann, weil es so schön geklappt hatte, 2004 die Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 42 Stunden erhöht – wir waren den Arbeitgebern natürlich dankbar für diese Steilvorlagen politischer Dummheit. Spätestens da war es jedem jungen Assistenzarzt klar geworden, dass man jetzt kämpfen musste. Wir haben gefordert, dass jeder mit seinem Grundgehalt seine Familie ernähren kann. Diese Forderung konnten wir der Öffentlichkeit so kommunizieren, dass sich auch noch am Ende der Streikaktionen (im Gegensatz zu Umfrage-Entwicklungen bei klassischen Streiks) eine klare Mehrheit mit unserem Ziel solidarisierte.“

Wie schlecht geht es denn (jungen) deutschen Krankenhaus-Ärztinnen und –ärzten tatsächlich? Warum kommen sie mit der althergebrachten 80-Stunden-Arbeitswoche (also gesetzliche Arbeitszeit plus Nacht-/Wochenenddienste) nicht mehr klar?

Montgomery: „Wir haben in den letzten zehn Jahren in unseren Krankenhäusern dramatische Veränderungen erlebt. 10% der Krankenhäuser sind geschlossen worden, 20% der Betten sind abgebaut worden, wir haben die Verweildauer um ein Drittel gekürzt und behandeln gleichzeitig etwa 20% mehr Fälle. In ökonomische Termini übersetzt ist das eine gewaltige Produktivitätssteigerung. Ein Verwaltungsratspräsident von Daimler Chrysler würde mit stolzgeschwellter Brust solche Zahlen präsentieren; wir Ärzte hören auf die Schelte der Gesundheitsökonomen, kriechen in unser Schneckenhaus zurück und schämen uns, dass wir immer noch nicht gut genug sind ! Dieser Produktivitätsschub ist erkauft mit höherer Arbeitsintensität pro Zeiteinheit, einer erheblich gesteigerten physischen und psychischen Belastung, die erklärt, warum unsere 80 Stunden von heute mit den 80 Stunden von damals überhaupt nichts mehr gemein haben. Wir müssen uns also um verbesserte Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten und Arbeitsentlöhnungen kümmern. Wir dürfen nicht zulassen, dass die bei Ärzten im Grunde vorhandene Lust auf Leistung von den äusseren Bedingungen erstickt wird.“

Gibt es Hinweise, dass diese Lust auf Leistung einer allgemeinen Frustration weicht?

Montgomery: „Wir haben mit die bestausgebildeten Ärzte der Welt in unseren Krankenhäusern. Aber ein Drittel der jungen Kollegen, nachdem der Kulturschock Krankenhaus im PJ (Praktischen Jahr) erst einmal hinter ihnen liegt, kehren dem Krankenhaus danach den Rücken, verlassen die kurative Medizin – und das sind oft die Besten, die sich eben nicht alles punkto Arbeitsbedingungen bieten lassen, die Rückgrat haben. Im niedergelassenen Bereich spielen ebenso ein Drittel mit dem Gedanken der Praxisaufgabe. Viele gehen nach Großbritannien, Schweden, Norwegen – und bleiben dort. Warum ? Sie erfahren dort, dass man anständig mit ihnen umgeht, gemachte Zusagen hält und das Geld auch noch stimmt. Der Effekt dieses „brain drain“ für die Hiergebliebenen ist schrecklich; 4500 Stellen für junge Ärztinnen und Ärzte sind inzwischen unbesetzt.“

Was können wir in der Schweiz daraus lernen?

Montgomery: „Allzu viel kann ich dazu nicht sagen, weil ich die Verhältnisse in der Schweiz nicht genügend kenne. Zweifellos ist eine Lehre, dass man sich früh genug zur Wehr setzen muss. Wir haben es zu spät getan. Die wichtigste Unterstützung dabei geben uns der Patient und die Öffentlichkeit. Wir haben unsere Streiks nicht gewonnen, weil wir eine supermächtige Gewerkschaft waren, die den Arbeitgeber mit den klassischen Mitteln gewerkschaftlichen Kampfes in die Knie gezwungen hat. Wir haben durch pfiffige Aktionen und gut platzierte Bilder, durch Botschaften an den Patienten eine Solidarisierung erreicht. So hat schließlich die Öffentlichkeit die Politik unter Druck gesetzt, und so kam es tatsächlich zu den angestrebten Verbesserungen.“

Wie weit ist denn die Einführung des DRG-Systems ein Katalysator des Unbehagens in den Krankenhäusern gewesen?

Montgomery: „An der Einführung der DRG hat in Deutschland kein Weg vorbeigeführt. Ich bin im Kern auch ein Befürworter des Grundgedankens, denn es ist grotesk, wenn wir in einer modernen durch Computertechnologie vernetzten und überall auch rechenschaftspflichtigen Welt mit solidarisch aufgebrachten sozialen Mitteln so umgehen, dass wir sie in einer black box namens Krankenhaus verschwinden lassen und keiner weiss, was damit geschieht. Die Umstellung von der Abgeltung nach Hospitalisationstagen hin zu einem leistungsorientierten System ist richtig. Die Politik hat bisher übrigens bei den Nachbesserungen stets Wort gehalten. Dass wir es aber mit deutscher Gründlichkeit nun in eine gewaltige bürokratische Abrechnungs- und Dokumentations-Maschinerie umbauen, ist das Problem. Wir wenden das DRG-System zu komplex und zu allumfassend an. So wird es wiederum zum Ausdruck eines Machtgerangels zwischen Krankenkassen, Krankenhausträgern, Politik und Ärzten. Jeder versucht, durch Gewinn von Definitionshoheit seine Machtposition zu zementieren. Das ist die typisch teutonische Debatte, die ein gutes System zuletzt desavouiert statt es darauf zu reduzieren, was es wirklich kann, was uns ja die Angelsachsen vorgemacht haben.“

Dort akzeptiert man also auch Diagnosen, die nicht nach DRG abgegolten werden?

Montgomery: „In Australien werden nur 50 % des gesamten Diagnose-Kanons von DRG abgedeckt, in den USA noch weniger. Nur wir Deutschen haben versucht, 100% mit DRG abzudecken – die Psychiatrie war allerdings stets ausgespart aus diesem Abgeltungssystem -, inzwischen sind wir bei 85%. Das System wird umso einfacher, je geringer man den Abdeckungsgrad definiert, und die Frage ist, ob man nicht damit klüger beraten ist. Für die restlichen Diagnosen, die man damit nicht abbilden kann, muss man andere intelligente Lösungen entwickeln.“

Was verhindert denn Verbesserungen des Systems in diesem Sinn?

Montgomery: „Das grösste Dilemma bei der Formulierung von Gesetzen und Verordnungen ist nicht die Regelung des Gebrauchs, sondern die Verhinderung von Missbrauch. Wir machen komplexe Regelungen bis zum Exzess, um Missbrauch zu verhindern und zu antizipieren, und unterschätzen dabei den Erfindungsreichtum jener, die das System missbrauchen wollen. Die Ängste bei den Krankenkassen bestehen, dass die Ärzte das missbrauchen, um sich zu bereichern; die Ärzte befürchten, dass die Kassen das Steuerungsinstrument benützen, um Krankenhäuser kaputt zu sparen, um Qualitäten damit zu messen und dies wiederum in materielle Vor- oder Nachteile umzumünzen – es ist dieses grundsätzliche Klima des Misstrauens, was alles so schwierig macht.“

Sie sagen von sich, Sie seien ein glücklicher Mensch - in einem medizinalpolitischen Umfeld, wo jeder jammert ?

Montgomery: „Das ist eine rein persönliche Aussage; ich habe in der Kombination aus praktizierter Medizin und angewandter Politik und den damit verbundenen öffentlichen Ämtern eine perfekte Synthese meiner Interessen gefunden. Ich könnte nie im Leben 80 Stunden in der Woche nur Patienten versorgen; ich könnte aber auch nicht nur Politik machen. Es ist unbeschreiblich schön, immer wieder auch in die Klinik zu fahren und ganz normale Patientenversorgung zu machen. Das hält einen vielleicht auch ein wenig am Boden.“

Teilen Sie denn die (vielleicht spezifisch schweizerische) Wahrnehmung, dass auf einem sehr hohen Niveau gejammert wird?

Montgomery: „In Deutschland ist der Druck auf die Ärzteschaft enorm geworden. Aber natürlich ist alles relativ; ein Ghanaer hätte für unsere Probleme überhaupt kein Verständnis; in Russland wären sie froh, wenn sie Verhältnisse wie in Deutschland hätten. Das alles bringt uns aber nichts. Wir müssen innerhalb unseres Sozialsystems argumentieren. Wir sind einer der reichsten Staaten der Welt, haben eines der bestfunktionierenden Gesundheitssysteme – aber kein System ist so gut, dass wir es nicht noch besser machen könnten. Das gilt wohl genauso für die Schweiz. Also ist auch Jammern auf hohem Niveau keineswegs illegitim. Das Ziel ist, alles besser zu machen.“

Wohin schicken Sie Ihre Kinder zum Medizinstudium, wenn sie einmal die Mediziner-Tradition der Familie fortführen wollen?

Montgomery: „Das müssen sie schon selber entscheiden. Meine Frau ist auch Ärztin, die Gefahr besteht daher, dass - derzeit bei meinem Sohn zumindest verbal - eine Neigung zur Medizin entsteht. Wir lassen unseren Kindern dafür freie Hand. Wir vermitteln ihnen etwas anderes, das nichts mit der Berufswahl zu tun hat: wir sind nicht mehr davon überzeugt, dass unser Staats- und Sozialmodell, das wir in Europa leben, auf Dauer für unsere Kinder so erstrebenswert ist. Wir ermöglichen ihnen also Aufenthalte im Ausland, mein Sohn war gerade neun Monate auf einem Internat in Neuseeland. In Deutschland ist es inzwischen wirklich so: wenn Sie die Finanzierung unserer Sozialsysteme und die politische Agonie betrachten, dann kann man jungen Menschen nur den Rat geben, sich Optionen in anderen Ländern offen zu halten.“

Mit Frank U. Montgomery sprach Roland de Roche am 9.11.2006

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Vorsitzender des Marburger Bundes

 

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