Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Versteht uns bloß nicht falsch!
Kommentar in der Marburger Bund Zeitung, 28. April 2006
Der Marburger Bund hat einen wichtigen Tarifabschluss mit der Charité in Berlin erzielt. Dieser Abschluss zum jetzigen Zeitpunkt ist uns nicht leicht gefallen. Dieser Tarifabschluss in Form eines Vorschaltarifvertrages holt den Kollegen dort knapp den Gegenwert des alten BAT zurück – mehr war vorerst nicht drin.
Und das ist auch genau die Botschaft:
Wir haben diesem Vorschalttarifvertrag zugestimmt
· aus Respekt und Hochachtung vor unseren Kolleginnen und Kollegen an der Charité, die einen fantastischen Arbeitskampf hingelegt haben. Seit 2002 hat man ihnen dort noch miserable Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen als bis dahin ohnehin üblich zugemutet;
· weil der Sprung aus der desolaten Situation der Charité auf den von uns angestrebten neuen arztspezifischen Tarifvertrag nicht direkt zu bewältigen gewesen wäre.
Die Misswirtschaft des Charité-Vorstandes und die Knauserigkeit des Berliner Senats bedingen dieses gestufte Vorgehen.
Nun soll aber keiner der anderen Tarifpartner glauben, dass dieser Abschluss für uns ein „Pilot“ oder „Maßstab“ für andere Tarifgebiete wäre. Wir waren uns dieses Risikos, dass unsere „Gegner“ voreilig frohlocken könnten, wohl bewusst. Aber wir wissen auch um unsere Stärke: Wir sind so kampfbereit und sieggewiss, dass wir uns dieses Entgegenkommen in diesem speziellen Fall an der Charité leisten können. Es ist ein Zeichen von Stärke, seinem Gegner die Hand zu reichen, wenn er am Boden liegt – dieselbe Stärke motiviert aber auch um so mehr gegenüber allen anderen Härte zu zeigen.
Wir waren mit 4.000 Kolleginnen und Kollegen in Leipzig auf der Straße – auch in Düsseldorf werden viele tausend Kolleginnen und Kollegen mit uns kämpfen.
Gespräche und Diskussionen in den Assistentensprechertreffen zeigen klar: die Wut steigt, der Kampfeswille wird immer noch größer, aber die Zurückhaltung, den Streik elegant zu führen lässt nach.
Die Arbeitgeber bei der Tarifgemeinschaft deutscher Länder sind deswegen gut beraten, den Abschluss bei der Charité als Zeichen zu werten, dass wir kämpfen und verhandeln können, streiken und siegen können – wir schließen den richtigen Tarifvertrag zum richtigen Zeitpunkt ab.
Sollten nicht bald wieder die Verhandlungen über einen arztspezifischen Tarifvertrag für die Ärztinnen und Ärzte an den Kliniken in TdL-Zuständigkeit kommen, wird der Streik an Intensität und Härte noch deutlich zunehmen. Dann wird es zuerst eine Verschärfung der Notdienstvereinbarungen, präzisere Definitionen von Notfällen und konsequentere Behandlungsverweigerungen geben. Schließlich werden wir Unikliniken und psychiatrische Landeskliniken nicht mehr nur tageweise, sondern wochenweise streikbedingt lahm legen.
Das Szenario steht – jetzt im Detail bis Ende Mai. Lassen die Arbeitgeber es darauf wirklich ankommen, dann wird der Verhandlungszeitraum vor der Fußball-Weltmeisterschaft knapp.
Niemand darf vergessen: nach den Erfahrungen, die wir mit Zusagen der Arbeitgeberseite gemacht haben, werden wir sicher Streikmaßnahmen erst herunterfahren, wenn konkrete Angebote und verhandlungsfähige Diskussionsgrundlagen vorliegen. Wir sind zu fairen Verhandlungen bereit – wir beweisen Stärke und, wo nötig, Entgegenkommen, aber wir lassen uns nicht an der Nase herumführen.