Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Warnstreiks und Proteste der Ärzte in Hamburg

Rede anlässlich der Protestkundgebung auf dem Gänsemarkt, 19. Oktober 2005

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die  Arbeitgeber haben einseitig die Tarifverträge gekündigt.  Sie wünschen sich mehr Leistung für weniger Geld. Neue Verträge werden nicht mehr zu den alten Bedingungen abgeschlossen. Jeder von uns, der einen solchen Vertrag abschließt, verliert auf diese Weise bis zu 20 % an Geld und Arbeitszeit. Und jeder der nach einem befristeten Vertrag einen Folgevertrag abschließen muss, der bekommt für die gleiche Arbeit von einem Tag zum nächsten 15 – 20 % weniger.

Auf diesem Weg macht man aus den Hamburger Krankenhäusern die unattraktivsten Arbeitsplätze für Ärztinnen und Ärzte, die es gibt.

Dagegen wollen wir kämpfen, wollen uns wehren gegen Lohnraub und Sozialabbau - und weil wir stark sind. Deswegen auch konnten unsere neuen Arbeitgeber vom LBK, die den schönen Namen Asklepios in unsere Stadt gebracht haben, auch nur Gelächter mit ihrer Androhung ernten, dass sie uns die ausgefallene Arbeitszeit vom heutigen Streiktage vom Gehalt abziehen. Das sollen sie nur wagen! Wenn sie das tun, dann kontern wir mit einer Sammelklage, mit der wir alle unbezahlten Überstunden, alle umsonst geleistet Mehrarbeit einfordern. Da werden die sich noch umgucken, was auf sie zukommt. Die werden arm werden! Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Deswegen rate ich denen, statt Geldabzug, Aussperrung oder Androhung sollten sie sich lieber endlich einmal für ihre Mitarbeiter einsetzen!

Der momentane Sparwahn aber  ruiniert  Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Krankenhäuser. So ruiniert man die  Forschung, so ruiniert man  die Lehre. So ruiniert man am Ende auch die Patientenversorgung.  Am Schlimmsten aber: so ruiniert man Motivation!

Wer Ärzte benachteiligt, wer Ärzte demotiviert, wer dauernd mehr Arbeit verlangt für weniger Geld, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Patienten in Gefahr zu bringen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich glaube manchmal, die Arbeitgeber wissen gar nicht, was sie da im Moment tun.  Sie sind auch ganz offensichtlich grottenschlecht beraten.

Das Arbeitgebernahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in einem Wochenbericht unlängst festgestellt: „ Es zeigt sich, dass sich das durchschnittliche reale Nettoeinkommen  der jungen Ärzte in Zeitraum von 1993 bis 2002 um 7,5% verringert hat. Damit stellen die Ärzte dieser Altersgruppe in der Einkommensentwicklung deutlich schlechter als andere im öffentlichen Dienst beschäftigte Akademiker dieses Alters, deren Durchschnittsgehälter real um rund 3% gestiegen sind und noch schlechter als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, die einen Lohnzuwachs von 6% zu verzeichnen haben.“ 

7,5% weniger für uns, 3 bis 6 % mehr für die anderen: das macht 10,5 – 13,5% Unterschied. Das heißt aber auch: Das ist unser Beitrag zur Solidarität im Krankenhaus, mit dem wir die Beschäftigungs- und Lohngarantie für viele andere Beschäftigte in den Krankenhäusern schon zehn Jahre lang bezahlt haben. Mit diesem unfreiwilligen Solidarausgleich muss aber irgendwann einmal Schluss sein! Nämlich spätestens dann, wenn es so unattraktiv geworden ist im Krankenhaus zu arbeiten, dass die jungen Ärzte lieber ins Ausland gehen!

Es ist daher nicht nur falsch, nein, es ist schlicht eine unredliche Schweinerei, wenn man uns heute unterstellt, wir seien unsolidarisch, weil wir einen eigenen Weg in der Tarifpolitik gehen wollen. Es ist auch unredlich, wenn man mit dem Lamento „Es sei nun mal nicht mehr Geld da“ seinen Mitgliedern Lohnverzicht abnötigt, wie manche Gewerkschaften das tun, statt für sie zu kämpfen und ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen. Eine Gewerkschaft, die sich so leicht vor den Karren der Krankenhausarbeitgeber und vor allem in das Joch der Krankenkassen spannen lässt, verrät ihre Mitglieder. Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Das wissen wir alle! Und deswegen sind wir hier heute zusammengekommen um für bessere Arbeitsbedingungen, für gerechten Lohn und anständige Arbeit zu kämpfen.

Wir sind in Wirklichkeit echt solidarisch mit den anderen Mitarbeitern, weil wir sie nicht an die Krankenhausarbeitgeber für ein Linsengericht wie den TVöD verkaufen wollen. Sondern wir kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus für alle. Wir sind in Wirklichkeit echt solidarisch, weil wir für unsere Patienten kämpfen. Denn nur hoch motivierte, ausgeruhte und anständige bezahlte Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, MTAs und Physiotherapeuten sichern eine Patientenversorgung auf hohem Niveau.

Das Ärzte zuwenig verdienen haben wir inzwischen sogar amtlich: Über unseren Stundenlohn sagt das DIW – ohne rot zu werden: „…junge Ärzte verdienen heute mit netto 10,80 € pro Stunde weniger als Grundschullehrer, die es immerhin auf 11,90€ bringen“. 

Das sind doch klare Signale, dass Ärzte überbelastet und unterbezahlt sind!

Aber welche Schlussfolgerungen leitet das IW dann daraus ab? Da heißt es doch wirklich:

„Die niedrigen Gehälter zu Beginn der beruflichen Laufbahn von Ärzten könnten mit den erheblichen Kosten des Medizinstudiums gerechtfertigt werden, das mit 400.000 DM pro Studienplatz das mit großem Abstand teuerste Studienfach ist, ohne dass dafür Studiengebühren fällig waren…“

Und: „..Bei der Bewertung des Einkommens junger Ärzte kann auch berücksichtigt werden, dass die Mediziner ein hohes Sozialprestige genießen… Solche nichtpekuniären Erträge sind bei ihnen deutlich höher als bei allen anderen Akademikern..“

Das heißt also: Wir sollen für all die viele Arbeit im Studium und unseren guten Ruf extra bezahlen. Das stellt doch das Leistungsprinzip auch den Kopf: Wer einen guten Ruf hat, weil er gute Arbeit leistet, der bekommt nicht gutes Geld, sondern abgedroschene Sprüche und hohle Phrasen….

Und schließlich hat das DIW noch einen Rat auf Lager: Man soll doch auch berücksichtigen, dass man als Arzt ab dem Facharzt die Möglichkeit der Niederlassung hat, wo man dann ja doch deutlich mehr verdiene. In der Sprache des DIW klingt der Rat an Sie dann so:“…Diese Entwicklungschancen können sich die demonstrierenden Ärzte vergegenwärtigen und die momentan unbefriedigende Situation stärker im Sinne einer Investition in ihr Humankapital begreifen….“

Und das Fazit: „..Ein Ansatzpunkt besteht möglicherweise in der Anwerbung von jungen Ärzten aus osteuropäischen EU-Ländern oder aber auch in einer Verpflichtung der jungen Ärzte, eine bestimmte Zeit an öffentlichen Krankenhäusern in Deutschland zuzubringen..“

Die AOK setzt dem ganzen die Krone auf. Haben diese Sesselbürokraten doch glatt vorgeschlagen, ein Pflichtjahr im Krankenhaus einzuführen, um ärztliche Arbeitskraft weiter billig einkaufen zu können. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist der blankeste Zynismus, den ich je gehört habe. Hilfsknechte aus anderen EU-Ländern einstellen und Zwangsarbeit an deutschen Krankenhäusern. Arbeitgebern, die so beraten werden, müssen wir den Marsch blasen, denen müssen wir zeigen, dass wir es satt haben, von Ihnen wie Knechte behandelt zu werden, die viel arbeiten sollen, wenig verdienen und ansonsten den Mund halten!

Nein, das ist vorbei: Wir werden so schnell nicht mehr aufhören, den Krankenhäusern und den Krankenkassen  unsere Forderungen deutlich klarzumachen:

In Hamburg haben die Krankenhäuser einen eigenen Arbeitgeberverband gegründet. Das ist gut so. Wir wollen weg vom TVöD, der die Arbeitsverhältnisse für den Leuchtturmwärter in der Deutsche Bucht genauso regelt, wie für den Friedhofsgärtner in München, den Verwaltungsbeamten in Essen und den Chefarzt in Berlin. Das ist schlicht Quatsch. Wir brauchen ein eigenständiges Tarifwerk für Krankenhäuser, keine vom preußischen Beamtenrecht abgeleitete Alimentationsordnung für Staatsdiener.

Wir fordern deswegen:

Vor allem aber fordern wir: Endlich Grundgehälter und Überstundenvergütungen, die sich an den Leistungen unserer westlichen Nachbarländer orientieren – das heißt: die deutlich höher sind!

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Vorsitzender des Marburger Bundes

 

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