Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Ärztestreiks - "Grottenschlechte Vergütung"

Interview zu den Ärztestreiks mit der Berliner Zeitung, 05. August 2005

? Herr Montgomery , die Klinikärzte demonstrieren an diesem Freitag in Berlin für bessere Arbeitszeiten und gegen Einkommenseinbußen. Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Es gibt etwas über 20 000 Ärztinnen und Ärzte an Uni-Kliniken. 1 000 werden es mindestens, 1 500 wäre toll. Alles darüber wäre eine Leuchtrakete für die Arbeitgeber und die Politik.

? Sind die Arbeitszeiten der Ärzte denn wirklich so schlecht? Auch Beschäftigte anderer Berufe müssen länger arbeiten und bekommen gleichzeitig weniger Geld.

Das bestreite ich. Ich kenne keine andere Berufsgruppe, der nach einem sechs- bis siebenjährigen Studium Wochenarbeitszeiten von 80 Stunden und mehr zugemutet werden, der drei von vier Wochenenden kaputtgemacht werden und deren Bereitschaftsdienste dann noch mit Abwertungsfaktoren schlechter vergütet werden als normale Überstunden. Dazu boykottieren viele Kliniken die Umsetzung vernünftiger Arbeitszeiten, indem sie das neue Arbeitszeitgesetz hintergehen.

? Die Ärzte bezeichnen die Arbeitsbedingungen als unzumutbar. Was genau ist denn so schlimm?

Die Unplanbarkeit einer Vielzahl von Überstunden, sechs bis acht Nachtdienste im Monat und kaputte Wochenenden. Und dann streicht man "zum Dank" auch noch Weihnachts- und Urlaubsgeld und erhöht die Tarifarbeitszeit um 3,5 Stunden von 38,5 auf 42 Wochenstunden.

? Wer trägt die Verantwortung für die Arbeitszustände im Klinikbereich?

Vor allem die Arbeitgeber, die schlecht bezahlen und immer mehr Arbeit verlangen. In zweiter Linie aber auch die Politik, die durch Sparmaßnahmen erzwungen hat, dass in den vergangenen Jahren zehn Prozent der Krankenhäuser geschlossen und 20 Prozent der Betten abgebaut wurden. Die Verweildauer wurde zeitgleich um 30 Prozent verkürzt und wir haben 20 Prozent mehr Fälle im Krankenhaus. Das ist ein gewaltiger Produktivitätsfortschritt, der auf dem Rücken der Ärzte und Schwestern erwirtschaftet wurde.

? In den vergangenen Tagen fanden die Proteste vor allem in Baden-Württemberg und Hessen statt. Warum nicht auch in anderen Bundesländern? Ist dort die Situation besser?

Wir haben unsere Warnstreikaktionen nur schwerpunktmäßig in einigen Bundesländern begonnen. Dabei handelt es sich um die Länder, die auch als erste die Arbeitszeitregelungen stark erhöht haben. Diese Politik ist es, die das Fass der Unzufriedenheit bei unseren Kollegen endgültig zum Überlaufen gebracht hat.

? Was muss geschehen, damit die Arbeitsbedingungen für die Klinikärzte akzeptabler werden?

Zunächst muss die grottenschlechte Grundvergütung auf ein international angemessenes Niveau angehoben werden. Wir können und wollen nicht länger hinnehmen, dass französische, englische oder niederländische Kollegen das Zwei- bis Dreifache verdienen. Außerdem muss man die Arbeit besser verteilen und mehr Ärzte einstellen. Wichtig ist aber auch, dass in den Kliniken selber Reorganisationen vorgenommen werden, um Arbeitsabläufe patienten- und mitarbeiterorientierter zu gestalten. Neue Arbeitszeitmodelle, die wir vorgeschlagen haben, lassen sich nämlich nicht ohne materiellen und intellektuellen Einsatz umsetzen.

? Was kostet es, das Problem vernünftig zu lösen? Und wo soll das Geld dafür herkommen?

Die Höhe der nötigen Aufwendungen hängt von der Geschwindigkeit der Umsetzung ab. Zum Nulltarif ist das nicht zu haben. Aber konkrete Zahlen fehlen.

? Müssen dafür letztlich die gesetzlich Krankenversicherten mit höheren Beiträgen bezahlen?

Ja, sie erwarten ja auch eine Top-Medizin - und die ist mit Lohndumping und übermüdeten Ärzten nicht zu bekommen.

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Vorsitzender des Marburger Bundes

 

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