Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Forderungen nach Erleichterung der Sterbehilfe zurückweisen
Interview mit den Kieler Nachrichten, 10. März 2005
? Der SPD-Politiker Rolf Stöckel und der Liberale Michael Kauch fordern eine Erleichterung der Sterbehilfe, einen „assistierten Suizid“ Schwerkranker nach Schweizer Vorbild. Was sagen Sie dazu?
Ich weiß nicht, was diese unsinnige Forderung soll. Es soll einige wenige Menschen geben, die aus diesem Grund in die Schweiz gehen, aber das Kernargument kann mich überhaupt nicht überzeugen. Die Ärzte und die Fachleute für die Behandlung von terminal Kranken in Deutschland sind einhelliger Meinung und lehnen die aktive Sterbehilfe ab. Herr Stöckel hat schon einmal einen entsprechenden Antrag versucht, ihn aber zurückgezogen, weil er keine Unterstützung in seiner Fraktion fand. Die Forderung nach aktiver Sterbehilfe spiegelt im Grunde die Angst vor dem Sterben wider. Die Antwort darauf muss eine bessere Sterbebetreuung, bessere Hospize, bessere Palliativstationen und mehr Zuwendung für die Menschen sein - nicht aktive Sterbehilfe.
? Justizministerin Zypries hat ihren Entwurf für eine Patientenverfügung, der eine Rechtsverbindlichkeit der Verfügung vorsieht, zwar zurückgezogen, er soll aber erneut ins Parlament eingebracht werden. Was halten die Ärzte für eine vernünftige Lösung?
Grundsätzlich befürworten wir den Versuch, Rechtssicherheit für Ärzte und Patienten herzustellen. Es kann nicht sein, dass es in dieser gravierenden Lebenssituation Streit zwischen Ärzten, Patienten und Angehörigen über der Frage gibt, welches Ausmaß Therapie und Behandlung haben sollen. Wir haben auch den Kern des Entwurfes von Justizministerin Zypries für richtig gehalten. Aber im Detail gibt es Kritik. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie weit die Aufklärung des Patienten vor der Unterzeichnung einer Verfügung gehen muss und wie verbindlich diese Verfügung sein soll. Weil es in einigen technischen Fragen keinen Konsens gab, finde ich es gut, dass Zypries ihren Entwurf zurückgezogen hat und noch einmal in den Gremien des Bundestages beraten wird.
? Warum haben die Ärzte Probleme damit, dass die Verpflichtung rechtliche Bindekraft bekommt?
Grundsätzlich befürworten wir, dass der Wille des Patienten immer oberster Maßstab ärztlichen Handelns ist. Aber der Wille muss sich auf die Situation beziehen und klar erkennbar sein. Ein Beispiel: Wenn ich als junger Mensch eine Verfügung abfasse und nach dreißig Jahren versuche, mich umzubringen, dann darf doch ein dreißig Jahre altes Papier nicht bedeuten, dass ich als Arzt den Selbstmörder nicht behandeln darf. Wenn ein Patient aber nach Diagnose eines Tumorleidens und Aufklärung durch den Arzt entscheidet, dass er keine Therapie will, dann ist das von ganz hoher Bindungskraft.
In dieser Spanbreite bewegen wir uns und deshalb sind wir für wissende Mitbestimmung des Patienten und nicht für Formulare, die Jahrzehnte Bindungskraft haben.
? Im Gespräch waren auch mündliche Vereinbarungen als Verfügung. Wie stehen Sie dazu?
Das sehen wir außerordentlich kritisch. Wir müssen heute selbst für einen kleinen Eingriff – etwa eine kleine Operation – eine aufwendige Aufklärung vornehmen und über Risiken und Alternativen informieren. Der Patient muss das schriftlich bestätigen und hat 24 Stunden Bedenkzeit. Soll er aber über etwas so wichtiges wie den Abbruch einer Therapie nichts Schriftliches hinterlegen und der Arzt sich auf das Hörensagen verlassen? Da stimmen die Proportionen nicht.
? Themenwechsel: Halten Sie den Gehaltszuschlag für Kassen-Vorstände für leistungsgerecht?
Ich halte es für ausgesprochen problematisch, ausgerechnet in einer Zeit, wo die Patienten die Spargewinne der Gesundheitsreform erbringen, die Gehälter von Krankenkassen-Fürsten anzuheben. Ich rate, Maß zu halten.
? Wundert es Sie, dass die Beitragssenkung ausbleibt?
Wir haben schon vor der Reform gewarnt, dass sie nur kurz wirken wird, weil hauptsächlich dem Patienten in die Tasche gegriffen wird. Und wir haben auch darauf hingewiesen, dass die Krankenkassen hohe Schulden aufgetürmt haben. Deshalb wundert es mich überhaupt nicht, dass die Beiträge nicht sinken.