Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Arbeitsbedingungen in Kliniken verbessern
Artikel für G+G - AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Juli 2005
Marathondienste, schlechte Bezahlung, zu viel Papierkram – der Frust unter deutschen Klinikärzten wächst und wächst. Darunter leidet auch die Qualität der Versorgung. Deshalb fordert Frank Ulrich Montgomery einschneidende Veränderungen.
Bereitschaftsdienst ist Arbeitszeit. So verlangt es die europäische Arbeitszeitrichtlinie und – wenn auch verspätet und erst nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes – seit Anfang 2004 das deutsche Recht. Ziel ist der Gesundheitsschutz auch für Krankenhausärzte, um überlange Dienste und Übermüdung zu vermeiden – zum Wohl der Patienten.
Arztberuf verliert an Attraktivität. Die europäische Arbeitszeitrichtlinie sowie das deutsche Arbeitszeitgesetz sind jedoch immer noch nicht vollständig in den Krankenhäusern umgesetzt. Dauerstress durch 30-Stunden-Dienste an einem Stück steht nach wie vor auf der Tagesordnung. Darüber hinaus trägt die miserable Einkommenssituation der Klinikärzte zur Frustration bei. Im internationalen Vergleich liegen die Gehälter der Ärzte in Deutschland an unterster Stelle. Englische, französische und amerikanische Kollegen verdienen das Doppelte bis Dreifache.
Aber auch das Ausufern bürokratischer Tätigkeiten verschlechtert die Attraktivität des Arztberufes. Im Schnitt vergeuden Klinikärzte rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für Papierkram. In einer aktuellen Umfrage des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes München beklagen rund 2.500 Ärzte in Münchner Kliniken eine zu hohe Arbeitsbelastung bei zu geringem Einkommen. Kein einziges Münchner Krankenhaus soll das neue Arbeitszeitgesetz, das kürzere Arbeitszeiten und längere Ruhephasen vorschreibt, umgesetzt haben. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Hälfte der Befragten am liebsten ihrem Arbeitsplatz den Rücken kehren würde.
Die Ergebnisse der Münchner Umfrage können problemlos auf viele andere Krankenhäuser in Deutschland übertragen werden. Dies belegt eine aktuelle Studie des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung.
Viele Mediziner wandern ab. Folge dieser katastrophalen Arbeitsbedingungen ist ein Ärztemangel, der gefährlich werden könnte. Mittlerweile bleiben rund 5.000 Arztstellen unbesetzt, weil viele Mediziner in die Industrie, ins Gesundheitsmanagement oder ins Ausland flüchten, wo geregelte Arbeitszeiten, weniger Bürokratie und bessere Bezahlung locken.
Diejenigen Ärzte, die zurückbleiben, müssen hingegen immer mehr Patienten immer schneller behandeln. Darunter leidet die Qualität der Versorgung. Schließlich steigt auch die Gefahr, an übermüdetes Klinikpersonal zu geraten. Wie gefährlich das sein kann, verdeutlicht eine empirische Untersuchung. Bleibt ein Arzt 24 Stunden am Stück wach, reagiert er wie ein Betrunkener, der ein Promille Alkohol im Blut hat. Letzterem nimmt man zu Recht den Autoschlüssel weg, Ersterem drückt man hingegen ein Skalpell in die Hand und lässt ihn operieren.
Ohne Veränderung leidet die Qualität. Die Krankenhausärzte sind jedoch nicht länger bereit, diese Bedingungen hinzunehmen. Das haben die vom Marburger Bund organisierten Ärzteproteste und Warnstreiks an den Universitätskliniken von Anfang Mai 2005 eindrucksvoll belegt. Daran haben rund 5.000 Ärzte teilgenommen. Die Kernforderungen lauten:
leistungsgerechte Bezahlung für die Leistungsgaranten in den Kliniken;
vollständige Vergütung aller Überstunden und der Bereitschaftsdienste;
bessere Patientenversorgung durch geregelte Arbeitszeiten;
weniger Bürokratie, mehr Zeit für Patienten;
keine kurzzeitig befristeten Arbeitsverträge;
ausreichendes Mitspracherecht bei den Entscheidungen in den Kliniken.
Werden diese Forderungen Wirklichkeit, gewinnt der Arztberuf im Krankenhaus wieder an Attraktivität. Dies ist auch notwendig, um den Ärztemangel zu bekämpfen und die Qualität der medizinischen Versorgung zu verbessern – zum Wohle der Patienten.