Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Marburger Bund strebt eigenen Tarifvertrag für Ärzte an
Statement auf der Pressekonferenz des Marburger Bundes in Berlin, 12. September 2005
Anrede,
der 10. September 2005 ist ein historisches Datum für den Marburger Bund. An diesem Tag hat die Hauptversammlung des Marburger Bundes beschlossen, die 55 Jahre alte Verhandlungsgemeinschaft mit der damaligen Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und der heutigen Gewerkschaft Verdi zu beenden. Damit führen wir jetzt für Ärzte die Tarifverhandlungen.
Dieser Schritt ist notwendig, richtig und zukunftsweisend. Denn es geht hierbei um nichts weniger als um eine eigenständige und mutige Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in äußerst schwierigen Zeiten. Beim gigantischen Projekt, den Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) durch einen neuen Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) zu ersetzen, geraten die Ärzteinteressen nämlich vollends unter die Räder. Die Belange eines Krankenhausarztes und die eines Friedhofgärtners sind nicht länger gemeinsam verhandelbar. Der Marburger Bund fordert folgerichtig die öffentlichen Krankenhausarbeitgeber auf, in Verhandlungen für einen eigenständigen Tarifvertrag für Ärzte mit uns zu treten.
Chronische Defizite öffentlicher Kassen und Krankenhäuser, die permanent rote Zahlen schreiben, haben dazu geführt, dass sich die Arbeitsbedingungen für angestellte Ärzte in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert haben. Deutlich wird diese Situation am durchschnittlichen realen Monatsnettoeinkommen junger Ärzte, das von 1993 bis 2002 um ganze 7,5 Prozent sank. Gleichzeitig stieg die Arbeitsbelastung für Krankenhausärzte auf ein unerträgliches Maß. Jährlich 50 Millionen Überstunden, die überwiegend nicht vergütet werden, 30-Stunden-Schichten, kaum planbare Familien- und Freizeit und überbordende Bürokratie – das ist der traurige Alltag der Krankenhausärzte in Deutschland. Der Arztberuf ist vom Traumjob zum Jobtrauma verkommen.
Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem umgehend Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Arbeitsbedingungen umgesetzt werden müssen. Wir dürfen nicht länger zusehen, wie Ärzte in Krankenhäusern und Universitätskliniken regelrecht verbrannt werden.
Mit dem letzten Angebot der kommunalen Arbeitgeber in den Morgenstunden des 10. September 2005 wurde deutlich, dass innerhalb des TVöD keine arztspezifischen Interessen berücksichtigt werden können. Es grenzt an frühkapitalistische Ausbeutungsmanieren, wenn man Ärzten, die mit rund 11 Euro brutto die Stunde jetzt schon unanständig wenig verdienen, noch mal rund zehn Prozent ihrer Einkommen stehlen will.
Es ist nicht länger hinnehmbar, dass deutsche Ärzte im europäischen Vergleich am wenigsten verdienen. Wir nehmen nicht länger hin, dass französische, niederländische und englische Kollegen das zwei- bis dreifache erhalten. Wir fordern deshalb die Arbeitgeber aus Bund und Kommunen unmissverständlich auf, umgehend mit dem Marburger Bund in eigenständige Tarifverhandlungen einzutreten. Ich warne die Arbeitgeber vor einer Verzögerungstaktik und vor Streiks.
Dass die Ärztinnen und Ärzte nicht länger bereit sind, unzumutbare Arbeitsbedingungen und schlechte Einkommen hinzunehmen, haben die massiven Streiks in den Universitätskliniken der Bundesländer bewiesen. Vor wenigen Tagen, am 6. September 2005 haben über 5.000 der rund 22.000 Universitätsärzte in Stuttgart gegen die zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitssituation protestiert. Wir sind nicht länger bereit, immer mehr Arbeit für immer weniger Geld zu leisten. Bei der ersten Demo in Stuttgart im Oktober letzten Jahres waren wir noch 1.000; Anfang August diesen Jahres in Berlin kamen 3.000 und vor sechs Tagen waren es in Stuttgart über 5.000 streikende Ärzte. Wenn nicht bald etwas geschieht, kommen wir mit 10.000 Ärzten wieder!
Es ist deshalb ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Tarifgemeinschaft deutscher Länder nunmehr bereit ist, mit dem Marburger Bund am 15. September 2005 in Stuttgart Tarifgespräche aufzunehmen. Wir gehen mit klaren Forderungen in diese Gespräche hinein:
Wiederherstellung tariflich gesicherter Arbeitsbedingungen.
Rücknahme der Kündigung der Tarifverträge zur Arbeitszeit sowie zum Weihnachts- und Urlaubsgeld, die zu Einkommensverlusten von 15 bis 20 Prozent geführt hat.
Perspektiven zur Erhöhung der Ärzteeinkommen um 30 Prozent.
Vollständige Vergütung sämtlich erbrachter Arbeitsleistungen.
Geregelte Arbeitszeiten, statt Marathondienste zu Lasten der Ärzte und Patienten.
Abschaffung kurzzeitig befristeter Arbeitsverträge.
Abbau bürokratischer patientenferner Tätigkeiten.
Sicherstellung von Forschung und Lehre innerhalb der Arbeitszeit.
Der Marburger Bund ist sehr gut gerüstet, um die Ärzteinteressen in eigenständigen Tarifverhandlungen zu vertreten. Die Zeit ist reif, für humane Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Universitätskliniken.